Bistum Augsburg
Anschauliches Zeugnis bäuerlichen Lebens

Bayern ist um 1900 herum noch immer weitgehend agrarisch geprägt, ein großer Teil der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft. Selbstzeugnisse von Bauern sind dennoch selten, abseits von Kirchenbüchern und amtlichen Vorgängen sind sie historisch auch schwer zu fassen. Das Archiv des Bistums Augsburg besitzt jedoch ein außergewöhnliches Zeugnis in seinen Beständen: Der aus dem oberbayerischen Nähermittenhausen (Gem. Ehekirchen, Lkr. Neuburg-Schrobenhausen) stammende Bauer Andreas Pettmesser (1835-1918) hat zwei Notizbücher hinterlassen, in denen er zwei Jahrzehnte lang seine Tätigkeit auf dem Hof festgehalten hat – und sich dazu auch künstlerisch betätigte. Neben ländlich-bäuerlichen finden sich dabei auch erotische Motive.
„Notizenbuch, worinnen verschiedene Oekonomische Sachen ihre Aufnahme finden, und hier der Nachwelt übergeben werden sollen“, betitelt der Bauer selbst sein Werk, das er 1862 anlegte und 1864 binden ließ. Die Jahreszahl setzt er, wohl angelehnt an ältere Buchdrucke, mit lateinischen Ziffern („MDCCCLLIIII“), allerdings unterläuft ihm ein Fehler, indem er statt einem „X“ ein zweites „L“ setzt. Auch ein Selbstporträt findet sich vorne eingelegt.
Bei dem Verfasser handelt es sich um den Bauern Andreas Pettmesser, Hausname „Kruckbauer“. Er gehört einer wohl ursprünglich aus Pöttmess stammenden, kinderreichen Sippe an, sein eigener Zweig der Familie stammt dabei aus Dezenacker.

Andreas Pettmesser (1835-1918)
Bauer, Sammler und Kommunalpolitiker
Andreas Pettmesser war nicht nur Landwirt, sondern auch Bürgermeister der Gemeinde Fernmittenhausen, zu der der Ortsteil Nähermittenhausen gehört.
Er sammelte zahlreiche Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, las unter anderem die „Augsburger Postzeitung“ und den „Kladderadatsch“. Zudem war er Mitglied im 1833 gegründeten Historischen Verein Neuburg, machte Musik und ging seiner größten Leidenschaft, dem Malen und Zeichnen nach. Von seinen Nachkommen ist überliefert, dass er das gesamte Anwesen, auch das Treppenhaus, mehr oder weniger „ausgemalt“ habe. Wahrscheinlich gestaltete er auch das Marienbild in der Kapelle am Ortsausgang von Nähermittenhausen.
Freundschaftlich verbunden war er mit Sigmund Weber (1840-1869), dem Kaplan in Hollenbach, der jedoch früh starb.
Zeuge des technischen Fortschritts
Seinen ersten Eintrag ins Notizbuch machte er am 1. November 1862, worin das Herausbringen von 109 Scheffel Kartoffeln Ende Oktober festgehalten wird, die nächsten Einträge befassen sich mit dem Dreschen von Getreide und Gerste sowie ähnlichen landwirtschaftlichen Themen, zum Beispiel dem Bau eines Viehstalls oder dem Verkauf von Tieren.
Er hielt auch Ereignisse aus der Gemeinde fest, etwa den Tod von Personen. Als im Jahr 1874 die Bahnlinie Ingolstadt-Donauwörth in Betrieb genommen wurde, zeichnete Pettmesser eine Dampflok und dokumentierte den technischen Fortschritt in seiner Heimatregion: „Der Erste Eisenbahnzug der Bahn Ingolstadt-Donauwörth kam am 15ten August Morgens 5 Uhr 38 Minuten von Donauwörth her in Neuburg bei starken Regen an; derselbe bestand aus 20 Wägen, die Festlichkeit fand nicht statt.“
Vom heimischen Acker in die Südsee
Behandeln die Aufzeichnungen insgesamt sehr bodenständige Sachen, besticht das Werk aber vor allem durch eine Reihe von beigefügten Zeichnungen. Ab 1871/72 finden sich kleinere Illustrationen zu seinen Texten, so etwa ein Totenschädel bei der Erwähnung von Todesfällen, Tiere, Häuser, Krüge oder Vögel, welche besonders oft am Ende eines Absatzes zu finden sind.
Im hinteren Teil erscheinen vereinzelt auch größere Werke, etwa eine Wirtshaus-Szene aus dem Prolog zu Goethes „Faust“ mit dem bekannten Zitat: „Euch ist bekannt was wir bedürfen, wir wollen stark Getränke schlürfen“ sowie die Darstellung eines Kruzifixes.
Es gibt auch zwei farbige Zeichnungen, welche jedoch eine Ausnahme bleiben: Eine Bewohnerin einer Südseeinsel sowie eine Bachantin.
Einzelwerk oder Teil einer Reihe?
Das erste Notizbuch endet 1880 und 1898, fast zwanzig Jahre später, legt Pettmesser ein zweites Notizbuch an. Dieser große zeitliche Abstand lässt vermuten, dass es dazwischen noch weitere Werke dieser Art gegeben hat, die aber im privaten Besitz verblieben sind.
Der zweite Band ist einfacher gestaltet und trägt lediglich die Überschrift „Notizen, aufgeschrieben von Andr. Pettmesser angefangen am 1ten Jäner 1898“. Seine Notizen hält er in einem Heft fest, das ursprünglich für Aufzeichnungen über Landesverwiesene gedacht war. Der erste Eintrag beschreibt das Wetter zu Neujahr 1898: „Am Neujahr 1898 herrliches schönes Wetter, Schnee- und Wolkenlos, troken gefroren. Dieses Wetter Dauert nun schon seit Mitte Dezember 1897 u. ist mit wenigen Ausnahmen etwas Nebelig. Es war ein herrlicher Dezember 1897.“
Zunahme der Zeichnungen und Unwettererlebnis
Textlich werden im weiteren ähnliche Themen wie bereits der Vorgänger behandelt, allerdings nehmen die Zeichnungen deutlich zu. Kleinere Zeichnungen aus dem bäuerlichen Leben sind nun feste Illustrationen des Textes und trennen die einzelnen Einträge voneinander ab. Es finden sich auch hier mehrere Aktzeichnungen von Frauen, eine davon sogar ganzseitig. Im Gegensatz zum ersten Notizbuch bleiben größere Zeichnungen diesmal aber Ausnahmen.
Neben alltäglichen Themen schildert Pettmesser auch Erlebnisse, etwa ein Unwetter im Juli 1901, bei dem er mit zwei seiner Kinder auf einer längeren Fahrt zu Verwandten war: „Wier fuhren hierauf, da das Wetter hinunterging, über Bittenbrunn auf sehr schlechten steinigen, furchtbar hohen Berg in den Bittenbrunner Forst. Jetzt stieg gegen Nordwest wieder ein Wetter auf, furchtbar anzusehen, schwarze Wolken, es fieng an zu Donnern u zu blitzen, u. wier waren mitten im Wald ohne Wegweiser, u. mit Ausnahme eine[s] alten Holzweibes, ohne Begegnung eines Menschen, so dahin zu fahren unter Blitz u Donner. Endlich nach langer Fahrt theilte sich der Weg u. kurz darauf war der Forsthof sichtbar, ein schöner Maijestätischer, alter Klosterhof in schöner Lage.“
Zeugnis einer vergangenen Epoche
1902 schließt Pettmesser, der inzwischen Austragsbauer ist, seine Chronik ab, indem er ganz förmlich ein „Finis“ setzt: „Sollte es einmal Anerkennung finden!“, lautet das abschließende Urteil über sein langjähriges Werk und Wirken, er setzt dann aber noch hinzu: „Ich glaube kaum!!!“. 1918 stirbt Andreas Pettmesser.
Offensichtlich sind beide Notizbücher danach nicht im Besitz der Familie verblieben. Wie genau sie ihren Weg in die Pfarrei gefunden haben, lässt sich nicht mehr ermitteln, sie sind jedenfalls Teil des Pfarrarchivs Hollenbach, als dieses 1990 von der Pfarrei dem Archiv des Bistums Augsburg übergeben wird. Dort wurden sie erst 2024 im Rahmen der Verzeichnung des Bestands wiederentdeckt.
Die Lagerungsbedingen vor der Übernahme sind allerdings nicht ideal gewesen, denn in beiden Notizbüchern zeigen sich, auch nach einer Reinigung in der hauseigenen Restaurierungswerkstatt, mitunter starke Flecken und mechanische Beschädigungen.
Die Aufzeichnungen Pettmessers sind für die Nachwelt wertvoll, da sie einen Einblick in das bäuerliche Leben im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Bayern geben – eine Rarität, da die meisten Bauern wenig Muße für künstlerische Betätigungen besaßen.
Text: Alexander Walter / Fotos: Archiv des Bistums Augsburg